Über zufällige Treffen an ungewöhnlichem Ort

Über zufällige Treffen an ungewöhnlichem Ort

Beim Versuch, meine ersten Eindrücke von den Werken von Dmitrij zu formulieren, kam mir aufdringlich eine Gestalt in den Sinn, die - ich muss das gestehen - einen literarischen Charakter hatte. Das war ein „merkwürdiger Raupenmensch mit einem sommersprossigen Gesicht und einem langen behaarten Körper, innerhalb dessen große Kugeln rollen» aus der bemerkenswerten Erzählung des Petersburger Schriftstellers Pawel Krusanow „Strohblume“ (1999). „Für eine besondere Gebühr war es erlaubt, die Raupe mit einem lockeren, einer grünen Rose ähnlichen Kohlköpfchen zu füttern und über ihr Schicksaal auszufragen“. Und obwohl die Raupe sich später in einen Phönix verwandelt hat, – unterbringt der Schriftsteller mit seiner ernennender schöpferischen Geste eine altägyptische Sage wie ein Redi-Maid in den eigenen mythischen Kunstraum, transformiert und verbindet sie mit dem Kontext unserer Zeit, für die „Wunder ähnelt der Hässlichkeit, deshalb werden sie oft verwechselt“.

Im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte hat die fantastische Kunst eine besondere Strömung in der europäischen Kultur gebildet, von der Romantik bis zum Surrealismus und fantastischem Realismus, dessen grundlegende Prinzip könnte man mit den Worten von Caspar David Friedrich bezeichnen: „mach die Augen zu, um zuerst das Bild mittels des Innensehvermögen zu sehen“. Die intensive Arbeit des Kulturgedächtnisses von vielen an dieser Strömung beteiligten Malergenerationen ließ einen Strom von unikalen visuellen Gestalten formen, der Dialog mit Kulturarchetypen, Errungenschaften von unterschiedlichen Kunstarten und in der letzten Zeit einige Ideen von Mediendesign in sich aufgenommen hat. Je bedeutender die technische und technologische Entwicklung der Zivilisation ist, desto attraktiver wird für die Künstler die Alternative der fantastischen Kunst – eine unerschöpfliche Quelle des schöpferischen Denkens und der künstlerischen Individualisierung, die jeden Meister entsprechend seinem eigenen Rhythmus, Ort- und Zeitgefühl nachspeist.

Die handelnden Personen von Dmitrij, die offensichtliche Ähnlichkeit der Züge besitzen sind vielleicht das Alter ego des Künstlers selbst, sie wandern aus einem Bild ins andere, erlangen ihre eigene Geschichte, die allmählich den Zuschauer mitreißt und Fortsetzung verlangt. Zu einem häufigen Motiv, das wahrscheinlich auch einen persönlichen dem Text unterlegten Leitgedanken hat, wird eine Stilisierung der Karnevalkultur des XVIII. Jahrhunderts, die sich wunderlich mit dem Thema von Zirkus und illusionistischen Vorstellungen vermischt hat und eine Schlüsselerscheinung nicht nur für bildende Kunst, sondern auch für Theater und Kinematographie des ХХ. Jahrhunderts („Selbstbildnis“, „Schlechte Erziehung“, „Trio“, „Illusionist“) ist. Unproportionale großköpfige handelnde Personen, ihre Frontalwendungen und stilisierte Bewegungen sowie Alltagsgegenstände, die sich im Bildraum in bedeutende Artefakte verwandeln, – all diese Züge nähern die Stilistik, in der der Maler arbeitet, der Welt von gegenwärtigen Comicstrips und Animationsfilmen an („Meister von höflichen Technologien“, „Melodie“). Exzentrizität, als eine wichtige Eigenschaft und ein notwendiges Element der Poetik der fantastischen Kunst, durch die surrealistische Gestalten spontan und paradox, wie eine freie Fantasieäußerung entstehen, ist in vollem Maße dem schöpferischen Temperament des Künstlers eigen.

Umsiedlung von Gestalten bildet hier auch eine besondere Intrige, ein Sujet und Ereignis. Eine der überzeugendsten ist die Metamorphose von einem Menschen und einer Statue, einem Menschen und einer Porträtbüste: „irgendwann werde ich zu einem Statuenmenschen“, hat der Gründer der metaphysisch Malerei Giorgio de Chirico in einem seiner Gedichte gesagt. Die Leichtigkeit der Transformation überzeugt von ihrer Natürlichkeit und Notwendigkeit: eine Büste kann einen Helden ersetzen („Blendung durch Macht“) oder zu seinem genialen Helfer werden („Traum“), ebenso wie Zaubertiere und -vögel, die auch menschenähnliche Züge erlangen und sich als Wesen einer neuen Ordnung bzw. Schutzdeimons vorstellen können. Visualisierte Metempsychose, Umsiedlung der Seele in ein neues Leib, die ihr die Fähigkeit verleiht, in einen Dialog mit anderen handelnden Personen zu kommen, füllt die Kompositionen mit zusätzlichen Sinnschattierung an.

Jedes Bild von Dmitrij stellt einen plastisch sehr konzentrierten, dicht zusammengebundenen besonderen Raum - "Wald zwischen Welten" (C. S. Lewis) – dar, der dazu noch über eine taktile Greifbarkeit und Glaubwürdigkeit verfügt. Dieser Effekt wird in vielem durch perspektivische Kompositionen erreicht, wo dominierend die Prinzipien der perzeptiven Perspektive ist, die Raumentstellungen im Zusammenhang mit emotionalem und symbolischem Erlebnis voraussetzt und verwirklicht, sowie durch Ausnutzung der Aspektive – Entstellungen von nahegelegen Gegenständen, die die Möglichkeit geben, sie als taktil und fühlbar glaubwürdig vorzustellen („Becher“).

Die Beharrlichkeit des Malers in seinem Bestreben maximalen Wirkungsgrad in der Arbeit mit Acryl zu erreichen leistet auch einen Beitrag (was auch auf eine Unähnlichkeit von Dmitrij mit gegenwärtigen Malern hinweist, die mit Ölfarben arbeiten und Acryl lediglich als Faktura-Bildträger verwenden). Beim Betrachten der Faktura seiner Bilder werden Aktualität und Nachgefragtheit im neuen Kontext der Methoden der Meister der russischen Avantgarde offensichtlich: „Malerei ist eine farbliche Folgerung aus einer bemalten Zeichnung… Denke hartnäckig und genau an jedem Atom des Dinges, der gefertigt wird … Führe hartnäckig und genau die festgestellte Farbe in jeden Atom ein, damit sie darin als Wärme in den Körper eindringt …» (Pawel Filonow).

In den besten Arbeiten von Dmitrij werden gerade diese in jedes abgebildete Objekt „eingedrungene“ Farbe und ihre die Gegenstandgrenzen verwischende und mit dem umliegenden Raum verbindende Vibration zu Trägern der geistigen Bewegung und der Lebenskraft. Ihre plastische Metapher ist eine Gestalt des Windes („Windiger Abend“, „Traum“, „Adam und Eva“) – ein traditioneller Symbol der Durchgänge, die sich zwischen den Welten aufmachen, ein Hinweis auf die Möglichkeit „von zufälligen Treffen an ungewöhnlichem Ort» (М. Ernst), die uns gerade die Kunst verspricht. Um diesen Hauch zu spüren, ihn in der Kunst und in den Bildern Von Dmitrij zu sehen, hat der Zuschauer auch sich an die Regel zu erinnern und für eine Minute die Augen zuzumachen, um sie mit innerem Seevermögen ansehen zu können.

Alexandra Balasch